Der Greif
Der Greif ist ein uraltes Vogelwesen, dessen "Urahnen" etwa 3000 v. Chr. zum ersten Mal in ägyptischen und mesopotamischen Mythen auftauchten. Während er anfangs in Ägypten mit dem Kopf eines Falken oder Geiers dargestellt wurde und eher Vogelgestalt hatte, glich er in Mesopotamien schon eher dem klassischen Greif mit Adlerhaupt und geflügeltem Löwenkörper.
Beschrieben wird ein Greif im Allgemeinen als Kreatur mit dem Kopf, dem gekrümmten Schnabel und den Schwingen eines Raubvogels, meist denen eines Adlers, nur daß er zusätzlich auch noch spitze Ohren besitzt. Der übrige Körper gleicht dem eines Löwen, mit Fell und Pranken.
Eigentlich gibt es in den Mythen zwei Arten von Greifen: der Greif der klassischen Zeit besaß vier löwenartige Beine, während der Greif späterer Zeiten nur die Hinterbeine eines Löwen besitzt und statt Vorderbeinen die krallenbewehrten Klauen eines Adlers vorweist.
Der Name Greif (lat. grypho, ahd. grif) geht auf das indogermanische Wort, aus dem sich unser heutiges Wort "greifen" entwickelt hat. Der griechische Name gryps hängt mit dem Wort grypos zusammen, das in etwa "hakig" oder "gekrümmt" (wie der Greifenschnabel) bedeutet. Einer anderen Theorie nach soll das Wort Greif von kerub stammen. Ein Cherub war wie der Greif ein geflügelter Wächter und schützte in Vorderasien den Baum des Lebens.
Der Greif als große, wilde Kreatur diente früheren Zivilisationen als Talisman und Abschreckungssymbol gegenüber allem Bösen, und in diesem Sinne auch als Wächter. Er war immer eine zweideutige Figur - weil er einerseits mit seiner Gestalt dem König der Vögel (Adler) und auch dem König der Tiere (Löwe) ähnelte, wurde er gerne als Symbol königlicher oder adliger Macht verwendet; andererseits war er aber auch nur ein großer, hakenschnäbliger Vogel, der grausam Beute riß und die Erde nach funkelnden Schätzen durchwühlte.
In der griechischen und römischen Mythologie nahm man an, Greifen würden aus dem Norden stammen, aus Skythien - aber auch aus dem Osten, aus Indien, wo sie angeblich als heilige Tiere der Sonne große Verehrung genossen. Dort bewachten sie riesige Goldschätze, die sie mit ihrem mächtigen Schnabel der Erde entrissen hatten und es hieß, sie wären so stark, daß sie Elefanten und Drachen besiegen könnten.
Kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung trug der Gelehrte Aelian Informationen über den indischen Greif zusammen, die sich in etwa so anhörten:
Der Greif sei ein vierfüßiges Tier ähnlich einem Löwen, mit sehr starken Krallen. Seine Rückenfedern seien schwarz, die Brustfedern rot und die Schwingen selbst weiß, während der Hals mit blauen Federn besetzt sei. Kopf und Schnabel seien die eines Adlers, und aus seinen Augen schössen Flammen, so berichtete Aelian. Die Nester der Greifen befänden sich auf hohen Berggipfeln, wo sie ihr Gold horteten und ihre Jungen hegten.
Während im 5. Jahrhundert n. Chr. die heidnischen Überlieferungen von den Greifen als Sonnenvögeln und Zugtieren des Wagen des Apolls in der westlichen Christenheit ausstarb, lebte sie im byzantinischen Osten weiter. So erzählt uns ein altes Buch über Tiere und Vögel sowie deren symbolische Bedeutung, das sogenannte Physiologus, daß ein Greif jeden Morgen die Strahlen der aufgehenden Sonne auf seine Schwingen nähme und sie zusammen mit einem zweiten Greifen über den Himmel tragen würde.
Doch auch im mittelalterlichen Christentum glaubte man noch an die Greifen, die auch im Alten Testament auftauchen - da sie in der Bibel vorkamen, mußten sie auch zwangsläufig existieren, so der allgemeine Glaube. Und so hielt man den Greif im Mittelalter für ein großes, exotisches, furchteinflößendes Tier, das aus dem Orient stammte.
Auch mit dem Vogel Roc oder Ruch wird der Greif in Verbindung gebracht, einem Wesen, das in den Erzählungen aus Tausendundein Nächten erscheint und ebenso stark und riesenhaft sein soll.
Heute noch finden wir Greifen in Symbolen und Wappen, aber auch in der Literatur wie bei den Dichtern Dante und Ariost. Im 19. Jahrhundert dann sprachen Zoologen und Historiker dem Greif endgültig die Existenz ab und verwiesen ihn in den Bereich der menschlichen Fantasie, und so wurde der wilde Raubvogel zu einem Wesen, das nur noch in Märchen, Fabeln und Kindergeschichten vorkam.
Ein ganz berühmter Greif erscheint in Lewis Carrolls "Alice im Wunderland", wo Alice und die Herzkönigin auf einen Greifen treffen, der fest eingeschlafen in der Sonne liegt.